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01 Dez 11 Programmieren ist keine Geheimwissenschaft

Wo sind die Zeiten, in denen Programmierung noch als Geheimwissenschaft galt? In denen Programmierer noch am übernächtigen Blick, dem zerzausten Bart und ihrem schwierigen Sozialverhalten erkennbar waren? In denen Benutzer noch wirklichen Respekt vor den Entwicklern zeigten und die eigenen Wünsche wenn überhaupt, dann nur äußerst schüchtern vorzubringen wagten?

Sie sind entschwunden, die alten Zeiten. Neuere Tendenzen haben sowohl Entwickler als auch Anwender verändert. Da wäre zunächst der Versuch der Industrie, das Programmieren in eine kontrollierbare, messbare und wiederholbare Tätigkeit umzuwandeln, aus Programmierern Arbeiter zu machen, die am Fließband der Software-Fabrik stehen. Die vergleichsweise niedrigen Voraussetzungen solcher Arbeit lassen es zu, deutsche, russische oder indische „Ressourcen“ jederzeit gegeneinander zu tauschen – mit entsprechend günstigem Kosteneffekt.

Auch Benutzer sind selbstbewusster geworden. Das „Business“ hat an Bedeutung gewonnen, Investitionen in die EDV sind nur mehr über einen Mehrwert für die Anwender zu rechtfertigen. Die IT-Abteilung unterliegt immer stärker dem Geschäftszweck.

Die Programmierung ist eine Disziplin, eingebettet in die Prozesse des „Software Engineering“ (oder auch Software Services). Individuelle Freiheiten der Entwickler gingen verloren. Statt dessen werden sie in Standardtools und -methoden gezwängt, aus denen eine Lawine technischer und organisatorischer Vorgaben resultiert.

Der Programmierkunst wurde der Zahn gezogen. Die Zauberer wurden auf den Boden einer industriellen Fertigung geholt. Während sich die Götterprogrammierer früherer Zeiten freiwillig nächtelang auf der Suche nach einer Lösung einsperrten, so werden heutige Software-Arbeiter kurz vor der Auslieferung einer Version sanft oder unsanft zu Überstunden und Wochenendaktionen gedrängt. Keine Selbstausbeutung mehr, dafür aber Fremdausbeutung.

Initiativen wie „Extreme Programming“ sind Aufstände selbstbewusster Entwickler. Mit der Verbreitung der so genannten agilen Entwicklungsmethoden ist es gelungen, die Anwender vor den gemeinsamen Karren zu spannen, wenn es um Ablehnung ungeliebter, starrer Vorgangsweisen geht. Es setzt sich langsam aber sicher die Erkenntnis durch, dass rasches, direktes Feedback an den Programmierer weit eher zum Erfolg führt als sauber erstellte Analysedokumente, die zum Zeitpunkt ihrer Umsetzung höchstwahrscheinlich bereits veraltet sind.

Das neue Selbstbewusstsein der Entwickler hängt auch damit zusammen, dass bisher alle Bemühungen, Software ohne Programmierung zu erstellen, gescheitert sind. Versuche hat es durchaus gegeben – man denke nur an die vielen Sprachen der so genannten vierten Generation (4GL), oder an das noch immer aktuelle „Model Driven Design“-Prinzip.

Es hilft nichts: IT-Systeme sind für Benutzer da, und Benutzer haben besondere Anforderungen, die nur andere Menschen gut verstehen und in Software umsetzen können, keine Maschinen. Die Tools und Methoden, mit denen Software-Entwicklung heutzutage ausgestattet ist, können die Produktivität verbessern, aber die Lösungen der Probleme muss noch immer von den Programmierern selbst kommen, und zwar von solchen, die sich ständig bemühen, die Anwender zu verstehen. So wird aus der Geheimwissenschaft eine kommunikative Aufgabe.

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